Wie ich mein schönstes Weihnachtsfest verbrachte

Ich war Interessierte und ging an einem Sonntag im Dezember das erste mal in die Versammlung. Ende Mai war ich ungetaufte Verkündigerin, und am 11. November darauf wurde ich getauft. Zwischen Erstbesuch im Saal und Taufe sowie Weihnachten lag nur ein gutes Jahr.

Nun war es so, das meine "geistige Mutter" die Renate zu mir sagte:,, Es ist das erste Jahr ohne Weihnachten für dich. Das muss besonders schwer sein, zumal du keine Verwandten in der Wahrheit hat wo du hingehen kannst." Damals waren alle die ich kannte keine Zeugen Jehovas. Was folgte war eine umständliche Ansprache darüber das Weihnachten ein heidnisches Fest sei ...bla bla blubb.... ich nannte es in späteren Zeiten "Die Weihnachtsgeschichte auf zeugisch". Jedenfalls wollte Renate das ich an diesen Tagen nicht so einsam bin, und wollte, das mir keine Gedanken aufkämen, das es bei den Eltern an Weihnachten doch schöner war. Sie hatten einen Brauch. An Weihnachten, wenn alle arbeitsfrei hatten, Schulferien oder Semesterferien, traf sich die gesamte Zeugenfamilie an allen drei Weihnachtsfeiertagen und verbrachte ihre Zeit. Und ich war in meinem ersten Zeugenjahr ein Teil davon.

Bevor ich schildere wie diese Zeit verlief muss ich die Zeit zurück drehen und schildern wie Weihnachten vor den Zeugen verlief, damit ihr versteht warum Zeugen Jehovas das eigentlich schönere Weihnachten feiern. (Zumindest in dieser Familie)

Früher war es so, das mein Vater und meine Mutter (wie jedes Jahr) sich am Nachmittag des 23 Dezembers zofften. Das war vorprogrammiert, weil A die Lichterkette verheddert war, weil sie irgendwer im letzten Jahr nicht richtig zusammen legte. Und weil mein Vater so viel Sinn von Ästhetik hat wie eine Dampflok. Hauptsache die Lampen sind im Baum, und es leuchtet. Für einen Mann reicht sowas, eine Frau kann damit aber nicht leben
Es gab Zoff, von 15 Uhr bis 18 Uhr. Spätestens beim Abendbrot war wieder Ruhe. Am 24 Dezember mutierten wir zu U-Boot Christen. Um 15 Uhr Kaffee trinken (Lebkuchen, Stollen, Plätzchen) um 16.30 Uhr evangelische Kirche, Nachmittagsmesse. Dann gings weiter um 18 Uhr Abendessen, Kartoffelsalat mit Würstchen. Danach Geschenke auspacken und TV...... Dann am 1 Feiertag gings ab zu Oma, Kaffee Trinken - Geschenke absahnen - sich ärgern über die Geschenke, aber niemals was sagen, weil wir sind gut erzogene Kinder, wir freuen uns über jedes Geschenk, egal ob es den Radiowecker das dritte Jahr hintereinander gibt. - Abendessen - TV..... Der 2. Feiertag wird ohne Geschenke verbracht. Kaffeetrinken und TV und Abendbrot spielen eine zentrale Rolle. ..... The same procedure as last year, the same procedure as every year!

Weihnachten und Silvester verliefen also weitestgehend gleich, hauptsächlich Essen und TV, mal unterbrochen von Geschenke bekommen und sich ärgern. Aber dann kam das erste Weihnachten bei den Zeugen Jehovas. Ich war eingeladen beim VA. Schon allein das brachte Ansehen. Aber was an diesem Tag passierte das hat mich geprägt und denke jedes Jahr aufs neue an diesen Tag.

Zuerst einmal wurde ich am Vormittag abgeholt. Da die gesamte Familie eintrudeln sollte, inklusive Verlobte und einige Freunde der Versammlung brauchte Renate Hilfe bei den Vorbereitungen. Wir backten Kuchen und Plätzchen. Das erste mal seit meiner Kindheit das ich Plätzchen gebacken hab. Es gab kein instant Zeugs, nein, richtig gebacken wurde. Dann wurde das Abendessen vorbereitet. Es gab Braten und Knödel und Rotkohl. Nichts typisch Weihnachtliches, aber dennoch gehoben. Da es nix zu dekorieren gab außer vielleicht Servietten falten und Kerze auf den Tisch stellen verlief das auch ziemlich normal. Dann trafen alle ein. Man kannte sich, also hatte man viel zu erzählen und zu berichten. Der eine Sohn war AIP in einer Tierklinik. Er brachte zwei Kätzchen mit die er vermitteln wollte. Die eine rückte mir nicht vom Pelz die hatte ich den ganzen Resttag am Hals. War aber niedlich. Wir gingen spazieren, was für ein wildes Geschnatter. Die Weiber gingen hinten, die Männer vorne. Alles angehende Älteste, und als Vater und "Patriarch" der VA vorneweg. Irgendwann kamen wir dann wieder beim Haus des VA an. Der Zusammenhalt war liebevoll, ebenso die Gesprächsthemen. Ich hatte nicht das Gefühl das das nur wegen mir gestellt war.
Es gab dann kurz Kaffee, gefolgt von einem kleinen Wachtturmstudium für den kommenden Versammlungsbesuch am darauffolgenden Tag. Naja in der Familie lernt es sich besser und es machte gemeinsam sogar etwas Spaß. Danach gab es kleine Grüppchen worin man sich unterhalten hat, ganz fernab von Zeugenkrams. Irgendwann gabs dann das üppige Abendbrotessen, also den Braten. Und im Anschluss einen Spieleabend vom Feinsten. Es wurden sämtliche Gesellschaftsspiele raus gekramt. Wir lachten, erzählten und spielten bis kurz vor Mitternacht, dann brachte Renate mich nach hause. Auf der Fahrt fragte sie mich noch, wie mir die Katze gefällt. Ich sagte kanpp das ich sie niedlich fand. Und da sagte Renate dann, das ich sie geschenkt bekomme, aber das sie sie mir heute noch nicht geben, weil das halt nicht aussehen soll wie ein Weihnachtsgeschenk.

Ich war von der Rolle. Es war ein rundum schöner Tag. Eigentlich das schönste Weihnachten das ich je hatte. Die Familie stand im Mittelpunkt, nicht das Essen und nicht das TV oder Geschenke. Es wurde nicht dekoriert, und ich habe die Deko mit den bunten Lichtern nicht vermisst. Ich vermisste nicht mal meine Eltern, wenn ich ehrlich sein soll. Es war entspannt, ruhig, und aufregend zugleich, und auch wenns nur auf Zeugenart war, ja es war auch besinnlich. Davor gab es niemals so einen Weihnachtsabend, und selbst danach hab ich das nie wieder so erlebt.

Morgen ist Weihnachten. Ich esse Würstchen mit Kartoffelsalat, und mal sehen, vielleicht verkloppe ich ein paar Elfen in einem Computerspiel....grins* So kann ich beides verknüpfen. Und dann gibts noch Streicheleinheiten für meinen Stubentiger, der mir aus jener Zeit erhalten blieb. Ich werde mich morgen auf jeden Fall an die Zeit von damals zurückerinnern, denn an einem Heilig Abend (wenn auch vormittags) besuchte ich zum ersten mal eine Versammlung der Zeugen Jehovas. Renate ist jung verstorben. Ihr Mann hat wieder geheiratet und hat die Versammlung gewechselt. Ob er jetzt noch VA ist entzieht sich meiner Kenntnis. Wahrscheinlich werden ihre Weihnachtstage, was ja Brauch war, in der Form nicht mehr existieren.

Dennoch schaue ich nach vorne, auch wenn ich Weihnachten derzeit allein bin. Ich habe einen Partner, der garnicht verstehen kann warum mir Weihnachten so wichtig ist. Er ist in der "Wahrheit" aufgewachsen und ebenfalls vor einigen Jahren Ausgestiegen. Er sieht Weihnachten mit zweierlei Maß. Einmal ist es für ihn ein Fest an dem es knallhart um Geld geht. Geld, Geschenke, Kommerz und Pomp. Zum anderen sieht er die religiöse Komponente, und da fühlt er sich nicht rein gehörend. Er hat es nicht anders kennen gelernt. Er kennt Weihnachten nicht und es ist sehr schwer die Gefühle zu vermitteln die ich dabei empfinde. Ich wünsche mir, das ich ihm nur einmal zeigen kann, das diese Zeit auch ohne Religion und auch ohne Kommerz erlebt werden kann. Vielleicht bekomm ich irgenwann die Gelegenheit dazu.

Ich wünsche allen Lesern dieser Gruppe ein paar schöne ruhige Weihnachtstage, egal ob ihr feiert oder nicht, genießt diese Zeit einfach, legt die Füsse hoch, und lasst den lieben Gott einfach einen guten Mann sein. Wir lesen uns alle im neuen Jahr wieder.

25.12.13 10:41

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